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„Heute schon gechillt?“

 

Branchenfremde Personen haben oft eine beneidenswerte Vorstellung von meinem Beruf – „Den ganzen Tag lesen und damit Geld verdienen? Das is ja mega chillig.“ Ja und nein, eher: nein. Den meisten ist nicht bewusst, dass „Lesen“ und „Lektorieren“ zwei Paar Schuhe sind. Es geht in meinem Job schließlich nicht darum, „mal eben etwas zu überfliegen“. Der Fehlerteufel ist sehr geschickt und ich komme ihm nur dann vollumfänglich auf die Schliche, wenn ich wirklich ganz genau hinsehe: einmal, zweimal. Und wenn ein Satz besonders knifflig ist, muss ich diesen auch noch eingehender unter die Lupe nehmen. Wird nur „mal kurz drübergelesen“, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass selbst so Tippfehler wie bei „Steakholder“ leicht überlesen und damit zunächst unentdeckt bleiben. Von einer möglicherweise klein- statt großgeschriebenen Siezform einmal abgesehen. Manche Fehler wie Scheißgerät statt Schweißgerät mögen auf Außenstehende zwar lustig wirken der Auftraggeber hingegen wird einem die Ohren lang ziehen, sollte so etwas unkorrigiert geblieben und womöglich gedruckt worden sein.

 

Das Schöne bei der Arbeit mit Unternehmenstexten ist, dass es nie langweilig wird. Die Themen variieren stark, ich habe ständig etwas Neues auf dem Tisch – oftmals ohne zu wissen, was mich am nächsten Tag erwartet. Das finde ich superspannend, auch wenn die Auftragsplanung dadurch nicht selten eine große Herausforderung darstellt. Stets ist Flexibilität gefragt, denn Unternehmenskunden stellen gern Ad-hoc-Anfragen und benötigen ihre Texte in der Regel auch asap lektoriert zurück. Das setzt Schnelligkeit und hohe Reaktionsfreudigkeit voraus, damit die Kunden nicht zur Konkurrenz abwandern. In den knappen Bearbeitungszeiträumen heißt es dann mehrere Stunden lang hoch konzentriert arbeiten, sodass alle Unstimmigkeiten aufgespürt werden und die Texte ihren letzten Schliff erhalten. Außer der Aufdeckung und Korrektur rein sprachlicher und typografischer Fehler stehen auch inhaltliche Recherchen sowie die Anwendung kundenspezifischer Vorgaben (die schon mal 30 Seiten umfassen) an der Tagesordnung.
 

Zwischendurch trudeln mehrere Mails ein, die zeitnah beantwortet werden müssen: Angebotsanfragen, Nachträge, Jobankündigungen, verschobene Timings (mal zu meinen Gunsten, mal zu meinen Ungunsten), Rückfragen. Und mittendrin klingelt das Telefon: Ein supereiliger DIN-lang-Flyer möchte noch spontan eingeschoben werden. Derartige Unterbrechungen kommen in meinem Lektorinnenalltag häufig vor. Da gilt es dann abzuwägen, was machbar und sinnvoll ist. Sind die zeitlichen und geistigen Kapazitäten bereits erschöpft, muss ein Auftrag auch mal abgelehnt werden. Denn das, was ich annehme, führe ich gewissenhaft und nicht halbherzig aus. Eine gründliche Arbeitsweise wissen die Kunden zu schätzen. Und das wiederum bestärkt mich in meiner Tätigkeit und motiviert mich tagtäglich. Diese Arbeit ist anstrengend, keine Frage. Doch würde ich nicht ständig an Formulierungen feilen, neue Texte schreiben und zu sprachlichen Zweifelsfällen recherchieren, würde mir im Leben etwas fehlen!