· 

Wenn der Fiskus Blut saugt

 

Vorsicht, Steuer-Zecke

Gemeint ist laut Brockhaus Enzyklopädie (20. Auflage, 1999) die Milbengattung Ixodes fiscalis, deren Vertreter ausschließlich am Menschen saugen.[1] Blödsinn? – Ja, in der Tat. Es handelt sich hierbei um einen fingierten Lexikonartikel, der jedoch nicht als solcher gekennzeichnet ist und sich ganz selbstverständlich unter den seriösen Einträgen einreiht. Man bezeichnet so etwas als Nihilartikel (lateinisch nihil, „nichts“), als U-Boot oder auch Grubenhund[2]. Was das soll? – Ich schätze, Redakteuren ist eben auch mal langweilig. Denn tatsächlich wird vermutet, dass es in nahezu allen seriösen Nachschlagewerken Scherzartikel gibt, entdeckte wie unentdeckte. Amüsant wird es zum Beispiel auch dann, wenn Plagiatoren solche „Enten“ abschreiben.

 

Steinfressende Läuse

Zu den bekanntesten Nihilartikeln zählt ein Fantasietierchen, das es 1983 erstmals ins medizinische Fachwörterbuch Pschyrembel geschafft hat: die Steinlaus (Petrophaga lorioti) von Loriot.[3] Auch in der aktuellen (268.) Auflage ist sie weiterhin vertreten.[4] Angeblich gehört sie einer Gattung von Nagetieren an, ist 0,3 bis 3 mm groß und ernährt sich von Silikatgestein. Daher wird angenommen, dass sie zum einen den Fall der Berliner Mauer ausgelöst hat und zum anderen infolge der Zerstörung ebendieser Nahrungsgrundlage fast ausgestorben ist, doch zum Glück nur fast.[5]

 

Akrobatisch veranlagte Nager

Auch unter den Säugetieren gibt es eine Art, die es nicht gibt: die Rhinogradentia (griechisch rhís, Genitiv rhinós, „Nase“; lateinisch gradi, „schreiten“). Man nennt sie auf Deutsch also Nasenschreitlinge. Diese Spezies klassifizierte der Zoologieprofessor Harald Stümpke alias Gerolf Steiner in seinem Werk „Bau und Leben der Rhinogradentia“, das 1961 vom Wissenschaftsverlag Gustav Fischer veröffentlicht wurde – dessen Programm ansonsten nur ernsthafte Titel enthielt. Stümpkes Naslinge sollen auf einem Pazifikarchipel entdeckt worden sein. Er beschreibt diverse Unterarten wie den räuberischen Tyrannonasus imperator und den etwa einen Meter großen Mammontops ursulus. All diesen mausähnlichen Geschöpfen ist gemein, dass sie sich auf ihren Nasen statt Beinen fortbewegen. Rhinochilopus musicus zum Beispiel ist mit beachtlichen 38 Rüsselnasen ausgestattet. Zum Greifen nutzen die Tiere neben ihren Vorderpfoten den Schwanz. Christian Morgensterns Gedicht „Das Nasobēm“ aus den „Galgenliedern“, die 1905 erstmals veröffentlicht wurden, diente als Inspirationsquelle zur Schaffung dieser Kreaturen.[6] Stümpkes Parodie auf die Wissenschaft ist nach wie vor beliebt und wird aktuell vom Spektrum Akademischer Verlag herausgegeben. Schade nur, dass die Nasenschreitlinge inzwischen ausgestorben sind.[7]

 

Leerer Schall – wohldurchdacht

Beispiele für „U-Boote“ nicht tierischen Ursprungs sind zum Beispiel das Land Molwanîen in einem Travelguide des Heyne Verlag[8] und die antike Ballsportart Apopudobalia, verzeichnet im altertumswissenschaftlichen Nachschlagewerk Der Neue Pauly[9]. Wer also denkt, Quatsch finde sich nur in Online-Enzyklopädien, der irrt. Meist sind Nihilartikel sehr geschickt eingebettet, das heißt glaubwürdig wissenschaftlich formuliert, sodass man ihnen nur schwer auf die Schliche kommt!

 



[8] https://molwanien.de/land_leute.html, abgerufen am 16.2.21.